Textatelier
BLOG vom: 02.05.2008

La Côte (01): Nyon mit Kelten-, Römer- und Berner-Spuren

Autor: Walter Hess, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Mit vollem Namen heisst das Gebiet La Côte lémanique, also „die Genfersee-Küste“. Obschon der Genfersee (Le lac Léman, kurz, Léman), abgesehen von den Flussmündungen (Rhône, Dranse, Venoge und Aubonne) und dem Rhône-Ausfluss in Genf, rundum von Küsten umgeben ist, wird als La Côte (die Küste) nur das Gebiet von Nyon bis Morges bezeichnet: ein Teil der Landschaft zwischen Genf und Lausanne, ein ausgesprochenes Weinbaugebiet. Die Dorfnamen kenne ich alle, aber nur von der Lektüre von Weinflaschen-Etiketten: Aubonne, Begnins, Bursinel, Féchy, Lonay, Luin, Mont-sur-Rolle, Morges, Nyon, Perroy, Tartegnin, (Côteau de) Vincy und Vinzel. Ich wähle aus meinem Weinkeller gern einen fruchtigen, unaufdringlichen Wein aus dieser Region, wenn es gilt, ein Fischgericht oder ein Fondue leichtfüssig zu begleiten. Die „La Côte“-Weine sind vor allem aus der Gutedeltraube gekeltert, die in der Westschweiz Chasselas heisst, und sie verfügen über so viel Eleganz und zurückhaltende Noblesse wie ihr Name. Doch La Côte als Landschaft kannte ich bisher kaum, abgesehen von einigen flüchtigen Vorbeifahrten mit den SBB oder auf der A1.
 
So schien es mir zweckmässig zu sein, dieses Gebiet einmal genauer unter die Lupe zu nehmen; der Termin wurde durch den Setzlingsmarkt im Schloss Prangins vorgegeben (darüber später). So starteten Eva und ich am Samstagmorgen des 25.04.2008 bei leichtem, abnehmendem Regen in Richtung Westschweiz; nach Bern wurde die Sonnenbrille fällig. Und wie immer, wenn wir die Bundesstadt und Fribourg passiert haben, stellte sich auch diesmal wieder ein ausgesprochenes Feriengefühl ein. Der Verkehr wird dünner, die Landschaft weitet sich und ist kaum noch von Industriebetrieben durchsetzt. Es gibt geschlossene Dörfchen, manchmal auf einem Hügel, hier und dort ein Schloss. Kühe weiden. Die grosse Weite, eine friedliche, charmante Welt, die kaum Hektik kennt und zur Beruhigung beiträgt. Manchmal fühle ich mich bei der Einreise ins Welschland wie ein Barbar, wie sie in geschichtlichen Dimensionen, etwa nach dem Abzug der Römer, von Norden in dieses friedliche, verträumte Gebiet einbrachen.
 
Am späteren Vormittag verliessen wir nach einer gut 2-stündigen Fahrt die A1, welche in respektvoller Distanz zum Genfersee die Wölbung des Nordufers mitmacht, nach Gland gegen Süden, dem Wegweiser „Nyon“ folgend, vorbei am Weiler Le Truel und von Reben eskortiert. Vorstadt-Atmosphäre. Mitten in Nyon, auf dem besetzten Parklatz „Perdtemps“ beim Hotel „des Alpes“, räumte ein Einheimischer für uns sein Parkfeld.
 
Die Place Perdtemps, wo das Parkieren etwa 1 CHF/h kostet, soll noch 1586 mit Weinreben bepflanzt gewesen sein; ob der damalige Rebbau oder die Bewirtschaftung als Parkplatz mehr einbrachte, bleibe dahingestellt. Auch wurden hier später Schaukämpfe mit Armbrust, Pfeil und Bogen ausgetragen. Heute ist die Stadthalle (1930 erbaut) daneben, und schräg gegenüber steht das im 17. Jahrhundert errichtete, währschafte Patrizierhaus Richard mit dem strukturierten Dach, wie es die Berner gern haben, sie hatten von 1536 bis 1798 in Nyon das Sagen. Das Haus diente zuerst als Gerberei, und heute ist die Stadtbibliothek darin untergebracht – diese Einrichtungen gehören zu meinen wichtigen Informationsquellen. Gleich neben dem Parkplatz ist ein Touristenbüro („i“). Auf meinen Reisen verschone ich keines von ihnen und habe schon viele nützliche Prospekte, Bücher und gute Informationen hinausgetragen, und immer sind die darin tätigen Fachleute von einer ausgesuchten Höflichkeit, und das war auch hier in ausgesprochener Weise der Fall.
 
Die Altstadt ist gleich nebenan. Wir erreichten sie mit ein paar Schritten via La Poste (Postbüro). Das innere Städtchen Nyon breitet sich fast kreisrund auf einem zu 3 Seiten abfallenden Plateau aus. Ihm geben zahlreiche Bürgerhäuser ein aristokratisches Gepräge, und auch bernische Laubengänge (überdeckte offene Durchgänge) sowie Brunnen mit ausladenden Trögen, die wahrscheinlich einst Pferdetränken waren, beleben das Bild. Zu den Kunstdenkmälern gehört auch die im 12. Jahrhundert über römischen Fundamenten entstandene, immer wieder umgebaute Kirche. 1795 musste der Glockenturm wegen Einsturzgefahr abgerissen werden. Er wurde durch den heutigen Uhrturm (Tour de l’Horloge) ersetzt, der auf einem Brotbackofen stehen soll.
 
Mitten im Altstadt-Rund ist der Marktplatz (Place du Marché), wo sich schon zur Zeit der Römer, die wirklich überall präsent waren, ein gedeckter Markt befunden hat. Ein grosser Brunnen mit dem Obelisken stammt aus dem Jahr 1810, wie auch Sehschwache zu lesen vermögen – die Jahrzahl ist gross eingemeisselt. In der Nähe ist das Rathaus, das seit 1508 im Besitz der Stadt ist und immer wieder umgebaut wurde, wahrscheinlich je nach den gerade herrschenden politischen Vorlieben. An der Rue Delafléchère gibt es sogar ein „Haus Rousseau“ (Nr, 1). Es ist nach dem Vater von Jean-Jacques Rousseau benannt, der hier seine letzten Jahre als Uhrmacher verbracht hat. Zudem ist Nyon der Geburtsort des Schriftstellers Edouard Rod (1857‒1910) und des Pianisten Alfred Cortot (1877‒1962), welch letzterer einen eigen Klangzauber in sein Musizieren einbrachte.
 
Im Handelszentrum „La Combe“ ist neben vielen anderen Geschäften die Librarie Payot, wo ich das Kartenblatt 1:25 000 „Nyon“ (Nr. 1261 der Landeskarte) zu erstehen versuchte. Doch ausgerechnet dieses Blatt fehlte; das sind dann die anderen Seiten der welschen Gemütlichkeit. Eva fand das gesuchte Blatt in einem gewöhnlichen Kiosk, und meine Orientierungsmöglichkeiten waren auf einem erhöhten Stand.
 
In der Bäckerei Daniel Baumgartner hatten wir ein Dreieck aus einer kräftig gebackenen Aprikosenwähe mit dickem Eierguss gekauft. Die Früchte hatten leicht schwarze Ränder. So ausgerüstet verliessen wir die Altstadt durch das ehemalige Stadttor „Sainte-Marie“, das im Mittelalter noch von 2 Türmen eingerahmt gewesen war und jetzt durch einen verhältnismässig banalen Steinbogen ersetzt ist. Gleich dahinter ist die Esplanade des Marronniers, der Platz der Kastanienbäume, der zwischen 1815 und 1825 angelegt wurde. Hier stehen seit 1958 (als sich Nyon 2000 Jahre alt fühlte) die berühmten 3 römischen Säulen, die an der Rue Delafléchère in der Altstadt ausgegraben worden waren. Ein in Weiss gekleidetes Mädchen mit langem blondem Haar und Kopfhörer, das zwischen den quadratischen Säulen-Plinthen und den beiden runden Wulsten als Säulenbasis sass, kaute gedankenverloren an ihrem Sandwich. Sie regte uns an, unsere herrliche Wähe zu verzehren, ein gastronomisches Vergnügen. Der Kuchen hielt, was sein Aussehen versprochen hatte. Eva zauberte noch etwas heissen Brennnesseltee aus der Thermosflasche, die in ihrem Rücksack vergraben gewesen war.
 
Der Ausblick über das Seeufer-Quartier und den Genfersee zu den leicht dunstverhüllten Savoyer Alpen mit dem tatsächlich weissen Mont-Blanc war eindrücklich. Neben den Säulen spürte man etwas vom inneren Frieden der Pax Romana, der Sicherheit innerhalb eigener Grenzen, aber auch von der Grösse (Grandeur) des nahen Frankreich.
 
Auf den beiden noch in voller Länge erhaltenen ionischen Säulen klebt ein Architrav, ein Horizontalträger, aus Stein gemeisselt. Die Säulen erzählen davon, dass Nyon einst eine römische Kolonie war. Nyon, das einst Novio-Dunon (Noviodunum) hiess, war im 1. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung eine Siedlung der Sequaner, einem in Gallien lebenden keltischen Stamm. Nachdem die Römer die Helvetier um 58 v. u. Z. bei Bibracte besiegt hatten, entstand im heutigen Nyon die römische Garnisonsstadt namens Colonia Julia Equestris, von der noch beachtliche Architekturfragmente gefunden wurden, auch Skulpturen, Mosaike, Amphoren und Inschriftsteine. Mit der Burgunder-Invasion im 5. Jahrhundert war die römische Herrlichkeit zu Ende. Ein Wiederaufbau der Stadt erfolgte im 11. bis 12. Jahrhundert unter den Herren des nahen Prangins, und 1293 ging die Stadt an Savoyen über. Unter Ludwig I. von Savoyen (Ludwig der Jüngere) war Nyon neben Moudon im Broyetal eine der Hauptstädte der Waadt. Nyon wurde 1536 von Bern erobert – die Geschichte spiegelt sich in der Architektur: Im 16. Jahrhundert entstanden prächtige Bürgerhäuser. 1781 bis 1813 entstand hier eine weltberühmte Porzellanmanufaktur.
 
Nach dem Picknick folgten wir der Promenade des Vielles-Murailles, einem Panoramaweg mit Seeblick, entlang der alten Mauern, bis sich vor uns das Schloss Nyon, ein von Rundtürmen eingefasster, bilderbuchartiger Baukomplex am steil zum See abfallenden Hang präsentierte, vor dem gerade ein durchsichtiger Lift gebaut worden war und ein Zickzackweg betoniert wurde. Gepflegt gekleidete Studenten nahmen auf dem seeseitigen Vorplatz, La Place du Château, ihr Mittagsmahl aus Kartonschalen ein: Salate, Teigwaren, Brötchen und Tranksame.
 
Wir genossen noch einmal das offene Panorama, bevor wir ins Schloss eintauchten, worüber ich im nächsten Blog berichten werde. Es schien wahrhaftig lohnend zu sein, die Geschichte von Nyon noch eingehender zu ergründen. Und nach all den Verpflegungen aus den Kartonuntersätzen hatten wir Appetit wenigstens auf den Anblick von schönem Porzellan. Die Anschaffung eines ausgepolsterten Reisekoffers mit passenden Aussparungen für unser gutes Geschirr haben wir bis jetzt verpasst.
 
Fortsetzung folgt.
 
Quellen
Jenny, Hans: „Kunstführer durch die Schweiz“, herausgegeben von der Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte, Büchler-Verlag, Zürich 1976.
Schlappner, Martin: „Schweizer Kleinstädte“, Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich 1985
Tourismus-Prospekt: „Nyon – Tour de ville avec plan“, www.tourisme-nyon.ch
 
Hinweis auf weitere Blogs zur Reisethematik von Walter Hess
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